Nobody’s Watching “Lost”
25.01.2009 | 17:04 | Autor: Captain Awesome

Mit 11,4 Millionen Zuschauern startete ”Lost” mit den bisher schwächsten Ratings in eine neue Season. An der Qualität kanns nicht liegen, denn seit dem festgelegten Endpoint ist die Show vom kreativen Standpunkt her stark wie nie. Das einzig positive daran ist, dass ich den passenden (alten) Clip zur Überschrift an dieser Stelle einfügen kann:
(und nur für den Fall, dass sich jetzt manche fragen: “Hey, wie krieg ICH denn B-Starlets als Gaststar in meine Youtube-Show!?”. Das sind von Bill “Scrubs” Lawrence produzierte Webisodes für eine TheWB/NBC-Serie, die es nie gab. Wer genau hinschaut, erkennt Paul “Billy aus BSG” Campbell als Will.)
Einigen wir uns mal an dieser Stelle darauf, dass es offensichtlich ist, warum “Lost”s Quoten im Keller sind (außer dem “normalen” Zuschauerschwund, den praktisch jede langlaufende Show erlebt): Genreshows haben keine Chance im Network-TV. “Lost” hat lange Zeit über erfolgreich den Genre-Aspekt klein gehalten, und den Drama-Aspekt betont. Aber spätestens seit dieser season premiere muss jedem klar sein, dass wir uns im Hardcore-Timetravel-Sci-Fi-Gebiet befinden, wie Team Darlton auch offensiv kommuniziert:
There’s been this very interesting thing for me, in terms of certain audience’s members to grasp the idea that they’re not watching a genre show. To them, I’m like, “What show were you watching? When the big column of smoke is in Eko’s face in season two and he stares it down and it retracts into the jungle, that’s not a genre show?” And they say, “No, it’s not.” And it makes you go, “Okay, this is how there can be both evolutionists and creationists.” You can take the same data and apply it to your own spectrum. You can go, “Oh, it’s not a genre show, because I don’t like genre shows, but I like ‘Lost.’ Therefore, ‘Lost’ is not a genre show.” That’s the logic they apply. Well, we’ve been writing a genre show from the word go. We’re sorry that it’s getting more genre.
More genre heißt aber halt auch automatisch less viewers. Es sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben, dass sich nur ein bestimmter Prozentsatz der potentiellen Zuschauer für Sci-Fi begeistern kann und deswegen Genreshows auf den Cable-Networks praktisch immer besser aufgehoben sind (was den SciFi-Channel nicht daran hindert, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass “Caprica” ganz tollen Massenappeal haben wird, weil keine Raumschlachten und Roboter und so).
Hmm, über wen reg ich mich eigentlich auf? ICH mag Mindfuck-Sci-Fi. Dann muss es wohl die Dummheit und Ignoranz des TV-Publikums sein, die halt lieber American Idol, etc. einschaltet. Jaja, was bin ich elitär…

Was lässt sich zur neuen Erzählstruktur schon sagen, außer dass sie awesome ist? Im Nachhinein ist es wirklich cool, wie das Zeitreise-Element sich langsam in die Show eingeschlichen hat: Vom Empfangen von scheinbar uralten Radiosendungen in Season 1, zu “Flashes before your Eyes”, den “future flashes” und schließlich “The Constant”. Ich kann mir an diesem Punkt aber weniger vorstellen, dass unsere Island-Losties weiterhin mehrfach pro Episode in der Zeit vor- und zurückspringen. Vermutlich wird sich wohl eher ein “time-of-the-week”-Prinzip einpendeln, à la “Quantum Leap”. Ansonsten würde es nämlich doch recht konfus werden.
Dabei fiel mir eine Sache auf: Desmonds und Minkowskis “mind-trips” letzte Season waren auf lange Sicht tödlich, allerdings treten die Symptome diesmal nur bei Charlotte auf. Andererseits reisen die Losties nicht nur geistig, sondern mit Kleidung und Motorboot durch die Zeit… weird. Aber eins ist mal klar: C.S. Lewis is a goner. Wurde ja auch schon schon gemunkelt, dass ein weiblicher Lostie mit einem High-Profile-Film in der Pipeline (“Men Who Stare at Goats“?) aus der Show rauswill. Nur eine weitere Leiche auf dem mittlerweile riesigen Haufen toter Mädels. Hat eigentlich mal jemand gezählt, wie der Bodycount männlich:weiblich bei “Lost” ausschaut? Mir scheint schon, als würden Cuse/Lindeloff da ein paar persönliche issues verarbeiten!
Ein weiterer cooler Nebeneffekt der Zeitreisen ist natürlich, dass wir auf oben erwähnte dearly departeds treffen können (Ethan hatten wir ja schon) und generell Handlungen von alten Episoden aus neuen Perspektiven (à la “Exposé”) beobachten. Allerdings würde ich kein Wiedersehn mit Claire erwarten, da Emilie De Ravin erst wieder in der letzten Season mit von der Partie sein wird. Klaro, gerade, wo ihr Charakter interessant wurde, so evil konspirativ mit Daddy rumlümmelnd in Onkel Jacobs Hütte…
Ansonsten hatte man wirklich das erste Mal das Gefühl, eine Ensemble-Serie zu sehen und nicht die Jack/Kate-Show mit ein paar supporting players und Statisten. Jeder hatte ungefähr gleich viel Screentime und die Dynamik der ungewöhnlichen Paarungen Jack/Ben, Hurley/Sayid, Sawyer/Juliet war wirklich spaßig. Mehr davon! Und dass sich Daniel sogar ein bissl zum leading man entwickelt kann ich nur begrüßen, Jeremy Davies hat mich letztes Jahr schon absolut überzeugt (im Gegensatz zu den meisten anderen Freighties, zu deren Verteidigung man aber sagen muss, dass der Autorenstreik den größten Teil ihrer Backstories verschluckt hat).
“Look, everything’s going to make sense, I promise!”
- Hurley

